
Der Begriff Tensegrity – zusammengesetzt aus Tension und Integrity – wurde von Richard Buckminster Fuller geprägt. Er beschreibt Konstruktionen, in denen diskontinuierliche Druckstäbe und kontinuierliche Zugelemente zu stabilen, leichten Gleichgewichtsstrukturen kombiniert werden. Obwohl bereits 1921 erste Ansätze vom lettischen Künstler Karl Loganson gezeigt wurden, gilt Kenneth Snelson als einer der frühen Pioniere skulpturaler Tensegrity-Gebilde. Parallel verfolgte David Georges Emmerich architektonische Anwendungen, während Fuller die systemischen und philosophischen Aspekte erforschte.
Kenneth Snelson beschreibt in seinem Patent ein „Floating Compression“-Modul als eines, bei dem Druckstäbe vollständig von Zugelementen isoliert und in Position gehalten werden – vergleichbar mit der Lagerung von Knochen im Skelett. Richard Buckminster Fuller versteht Tensegrity als ein dynamisches Spannungsfeld: Druckstäbe sind „Inseln der Kompression“ in einem Meer aus Zugkräften. Stabilität entsteht durch kontinuierliche Spannung und gezielt platzierter Kompression; Die strukturelle Integrität durch Gleichgewicht und nicht durch starre Verbindung. David Georges Emmerich spricht von „structures autotendantes“, deren Stabilität ohne externe Lagerungen alleine aus innerer Vorspannung resultiert.
Bis heute gibt es keine einheitliche Definition, sodass es zu begrifflichen Konflikten kommt: Je nach Formulierung der Tensegrity-Eigenschaften entsprechen beispielsweise Fahrradreifen mit der Felge als Druck- und den Speichen als Zugkomponenten der Definition, oder eben nicht. Entscheidend ist bei dieser Grauzone, ob die Kompressionselemente vollständig innerhalb des Kontinuums der Spannelemente liegen oder nur die Oberfläche der Struktur markieren. Einige fassen die notwendigen Charakteristika sehr eng – Fuller hingegen vertritt eine sehr weite Sichtweise: Für ihn ist das gesamte Universum Tensegrity, von Molekülen bis zum Sonnensystem.

Tensegrity-Systeme lassen sich theoretisch unbegrenzt erweitern, einzelne Module können verbunden werden. Schwingungen und Stöße werden effektiv absorbiert, da äußere Einwirkungen im gesamten System verteilt weitergeleitet werden. Die Steifigkeit lässt sich über die Vorspannung gezielt regulieren, bei gleichzeitig günstigem Verhältnis von Steifigkeit zu Gewicht. Da die mechanischen Eigenschaften primär von der Geometrie und weniger vom Material abhängen, ist eine hohe Skalierbarkeit gegeben. Doch es gibt auch Herausforderungen: Zwar lässt sich mit geringem Materialeinsatz eine hohe Stabilität erzielen, doch die wirtschaftliche Materialeffizienz ist begrenzt, da die dauerhaft erforderliche Vorspannung die Bauteile kontinuierlich stark beansprucht. Wird die Belastung zu groß, drohen Stäbe sich anzunähern oder zu berühren. Hinzu kommen ein hoher Planungsaufwand und aufwendige Fertigungsprozesse.


